Wunschdenken beseitigt keine Gefahr

1.

Wir wollen uns nichts vormachen: Alle Zahlen steigen. Nicht nur in Deutschland steigt die Zahl der Coronainfizierten, auch in vielen Ländern Europas und der Welt, dort oft drastischer als bei uns. Auch Präsidenten werden nicht verschont.

 

Es gibt, sagen die Virologen, zwei Bereiche, in denen Menschen besonders gefährdet sind: Rückreisende aus Risikogebieten und private Festlichkeiten – Hochzeitsfeiern oder bei Feiern im Gedränge vor Bars, bei denen Menschen leichtsinnig oder fahrlässig werden bei. Die Kanzlerin und die Ministerpräsidentinnen und -präsidenten der Bundesländer haben manche Maßnahmen verschärft und wollen Bußgelder verhängen oder erhöhen. Wer sich auskennt, warnt vor der kühleren Jahreszeit und langen Aufenthalten in geschlossenen Räumen.

 

Eine Untersuchung hat in der vorigen Woche einen eigenartigen Widerspruch ergeben: Menschen werden ängstlicher, was das Coronavirus angeht – zugleich aber werden sie sorgloser, was ihr eigenes Verhalten im Alltag angeht. Wie ist das zu erklären?

 

2.

Das eine ist der öffentliche Bereich, der von der Nachrichtenlage beherrscht wird. Da besteht bei sehr vielen Menschen Grund zur Sorge. Das andere ist der private Bereich, wo viele einfach meinen, verschont zu werden; und wo es etliche leid sind, sich an strenge Vorschriften zu halten. So entsteht ein Widerspruch, der sich in großen, privaten Feiern oder in Barbesuchen zeigt. Er heißt: Ja, es ist alles schlimm, aber uns wird es nicht treffen.

 

3.

Leider ist das Wunschdenken. Verschont werden kann nur, wer aufpasst. Wer sich schützt – und wer vor sich schützt. Wunschdenken ist noch keine Maßnahme; es beseitigt keine Gefahr.

 

Wir beherrschen das Virus noch nicht. Wir sollten dieser Tatsache, auch im privaten Bereich, ins Auge sehen. Wir sollten auch keine zwei Persönlichkeiten aus uns machen oder machen lassen: eine öffentliche, die sich sorgt; und eine private, die mal „Fünfe grade sein lässt“, wie man sagt. So werden wir die Lage nicht meistern, sagen die, die sich darin auskennen.

 

Die Maßnahme heißt: Verantwortung. Verantwortung übernehmen für sich und andere, für Angehörige und Fremde. Christinnen und Christen wissen um und übernehmen die Verantwortung – selbst dann, wenn die Gefahr gering scheint. Auch wenn wir uns vieles nicht erklären können, können wir aber doch erkennen: dieses strenge Jahr ist auch eine Prüfung für unsere Verantwortlichkeit füreinander. Wünsche befreien uns davon nicht. Erträglicher wird es, wenn wir die bittere Aufgabe gemeinsam tragen, uns zu Verantwortung ermutigen oder daran erinnern. Gott gebe uns die Kräfte dafür.  

Michael Becker, Pfarrer im Ruhestand