Menschenkind - Gotteskind

Kind füttert seine Uroma
Bildrechte: J.F.Petersen

„Welche der Geist Gottes treibt sind, die sind Gottes Kinder."

Römerbrief Kapitel 8, Vers 14

Ein Zimmer, ein Bett, ein Joghurt, zwei Menschenkinder. Neunzig Jahre liegen zwischen den beiden, die da miteinander essen.

Die eine ist noch keine fünf. Kommt sie gerade aus dem Sandkasten? Oder hat sie sich mal wieder beim Rollerfahren das Knie aufgehauen? Immer und immer wieder jagt sie in Runden über den Hof. „Nicht so schnell“, ruft die Mutter, „du liegst gleich auf der Nase!“ Der alte Schorf ist noch gar nicht abgebröselt. Aber der Wind streichelt so herrlich über den Scheitel. Rosa Kratzer am Schienbein. Aber den Kopf voller Übermut. „Übermut tut selten gut!“? – Was für ein Blödsinn! … Ein Menschenkind.

Die andere ist hochbetagt. Man sieht es sofort. Die Haare sind blass geworden. In ihr Gesicht hat sich die Erfahrung vieler Jahre eingeprägt. Die dürren Fäuste berühren einander wie zwei Magnete. Der Kopf ist von Kissen gestützt. Aus eigener Kraft kann sie ihn nicht mehr halten. Viele Jahre war sie für andere da. Als Ehefrau. Als Mutter der Kinder. Als Helferin in Nachbarschaft und Dorf. Als Ortsvertrauensfrau für das Rote Kreuz. Als Chefin des Betriebes – dass die Wirtschaft lief. Als Küchenbäckerin. Ihr Frankfurter Kranz war berühmt und zierte zahlreiche Geburtstagstafeln, verwöhnte den Gaumen. Jetzt ist die Kraft fast aufgebraucht. Nicht mehr tun, nur noch sein. Da sein. In ihrem Alter ganz zerbrechlich geworden. So liegt sie da. Wartet ab, was geschieht. Lässt es geschehen. Fast wie ein Neugeborenes … Ein Menschenkind.

In der Kirche hatte sie ganz hinten links gesessen. Das war die Bank ihrer Familie. Und außerdem konnte man da schnell noch vor dem Segen seiner Wege gehen, falls der Braten in der Röhre anzubrennen drohte, weil die Predigt mal wieder zu lang war. Und später, als sie nicht mehr so lange sitzen konnte, mussten die Jungen erzählen: „Hat er heute gut gesprochen?“ Jetzt kann sie die Finger kaum mehr strecken, um sie zum Gebet ineinander zu legen. Jetzt erzählt sie nicht mehr so viel. Spart sich den Atem. Den Lebenshauch. Den Geist. „Aber das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte und meine Zuversicht setze auf Gott, den Herrn.“ Die Stimme ist rau, aber alle wissen, was das ist. Sie hat ihn so oft schon gesagt, ihren Konfirmationsspruch. … Ein Gotteskind.

Die andere sitzt in der Kirche in der ersten Reihe. Da, wo die Kindergottesdienstkinder auf das Lied für den Auszug warten. „Halleluja, Hallelu-, Halleluja, …“ Bei der letzten Hochzeit hat sie im Gang das Vaterunser so laut mitgesprochen, dass die Leute sich umgedreht haben. Peinlich? Keinesfalls – ich kann das wie die Großen. Beim Mittagessen brummen die Hummeln schon laut in ihrem Hintern. „Kann ich gucken, ob die Uroma schon aufgegessen hat?“ – „Es wäre ja schön, wenn du erst mal selber aufessen könntest“, mahnt der Vater. Mit drei großen Happen sind Kartoffelbrei und Erbsen verschwunden. „Ich bring’ ihr den Nachtisch.“ Abends kommen die „Waschfrauen“, wie sie sagt, und betten die Uroma zur Nacht. Dann ist sie dabei, da hilft auch kein Sandmann. Sie trägt den Eimer. Sie holt die Creme. Und das Wasser für die Nacht. … Ein Gotteskind.

„Willst du noch was?“ Vorsichtig wird der Löffel in den grünen Becher getaucht. Dass auch nichts danebentropft von der leckeren Kostbarkeit. Davon hat sie ja nicht so viele. Eigentlich rückt sie da nichts freiwillig raus. Aber mit der Uroma ist es etwas anderes. „Jetzt ist er alle. Hast du genug?“ Ein Nicken, man könnte es fast übersehen. Aber nicht die adlerscharfen Kinderaugen …

„Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder“, schreibt Paulus nach Rom.

Ein Zimmer, ein Bett, ein Joghurt … zwei Gotteskinder.

Lied: Du Morgenstern, du Licht vom Licht

Evangelisches Gesangbuch Nummer 74. Eingesungen von Kantor Arnd Pohlmann

1. Du Morgenstern, du Licht vom Licht, das durch die Finsternisse bricht, du gingst vor aller Zeiten Lauf in unerschaffner Klarheit auf.

2. Du Lebensquell, wir danken dir, auf dich, Lebend’ger, hoffen wir; denn du durchdrangst des Todes Nacht, hast Sieg und Leben uns gebracht.

3. Du ewge Wahrheit, Gottes Bild, der du den Vater uns enthüllt, du kamst herab ins Erdental mit deiner Gotterkenntnis Strahl.

4. Bleib bei uns, Herr, verlass uns nicht, führ uns durch Finsternis zum Licht, bleib auch am Abend dieser Welt als Hilf und Hort uns zugesellt.

Gebet:

Gott, unser Vater, wir sind deine Kinder. Du sorgst für uns wie eine Mutter. Du behütest uns wie ein Vater. In dieser Zuversicht lass uns unsere Wege fröhlich ziehen. Wir bitten dich: Lass uns erkennen, wo du uns brauchst. Und lass uns durch deine Stärke und Hilfe tun, wozu du uns berufen hast. Lass uns deine Nähe spüren durch Jesus Christus und durch den Heiligen Geist, die mit dir leben und regieren von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.